12 Gedichte

 

Übersetzungen von Barbara Kleiner:

[I treni che sfrecciano contro il treno]

 


Die Züge, die dem Zug entgegenflitzen,

wo du die Zeitung liest,

und Angst einjagen, der Luftsog,

der sie zur entgegengesetzten Endstation fortreißt, 

läßt dich entsetzt zurück über diese Begegnung ohne Ergebnis: 

Wer warf wem das Glas um,

wie mir die Zeitung entfiel?

In Richtung welchen Stadtrands der Bahnhof,

euer totes Gleis?

Dann ein plötzliches Gefühl von Ruhe 

in dem Gefährt, in der wiedergeboren unschuldigen Bewegung:

ich weiß nicht, ob wegen des kupferroten, langsamen und gleichmäßigeren Flusses

des Zugs, der als Begleiter brüderlich nebenherlief,

oder wegen der, die mir gegenüber saß,

der der Anprall der Luft nur die Haare bewegte,

nicht die Augen, nicht den Blick, 

verschleiert nur vom Dampf des Tees, der von der Tasse aufstieg,

wie zwischen Nebeln und Weiden des Mincio.

Im Fluß und im Augenblick, 

der reglos zwischen Ursprung und Mündung floß,

wo alle Deltas und Ästuarien zusammenkommen,

und in der Verbindung aller toten Gleise,

ob/wenn dieser Blick und dieser leise Ruck

des Flusses und der Haare mich baten,

nur zu bleiben und dazusein,

an diesem Ort, zu dieser Zeit, in diesem Abteil.  

 

 

Rückkehr vom Planeten 

[Ritorno dal pianeta]

 

Ich bin, und ich erinnere mich daran, den Planeten

hinabgestiegen: nach und nach verloschen die Lichter,

und der Schlaf kroch an den Fenstern hoch wie die Flut,

ein Licht, das erlosch, und das Radio noch an,

Dunkel und Stimme.

Einer schlief erschöpft ein wie ein Tier,

im Lastwagen, einem besänftigten Giganten gleich,

riesengroß und stumm auf dem Autobahnrastplatz,

ich sah die Schlaflosen, den Hunger, die Angst,

die Verzweiflung dessen, der auf der Suche nach einer Dosis war,

auf andere sah ich die Nacht herabsinken, im Herzen,

Körper, die zur Ruhe kamen, feucht, umschlungen,

dort weiteratmeten, wo Worte ein Ende haben,

ich sah sie, schlafend, das Vielfältige und das Eine,

die Liebe der Körper, die sich im Traum erneuert.

Und ich, der ich glaubte, Licht zu sein, war Dunkel, 

denn dunkel war die Nacht über den Sterblichen und Dunkel die Tränen,

die, als hätte ich Augen, von mir auf sie herabfielen.  

Ich habe geschaut, habe gesehen, glaub mir, Gott,

nicht geringer war

die Liebe zwischen Körper und Körper, zwischen Person und Person,

wenn sie die Jalousien herabließen, eine Stille suchend,

verzweifelter und voller als all meine Flüge. 

Das kann ich bezeugen, das habe ich gesehen,

auf jenem Planeten, der von oben kleiner ist als meine Hand,

und der Wasser ertrug, Delphine und Taucher, 

der die Frau kannte und mit ihr den Schmerz,

und Straßen, die das Licht der Himmelsstraßen nachahmten, 

Asphalt, Automobile, 

wo einer beschleunigt und der andere sich ihm überläßt,

und jeder von einer Reise ohne Ende träumt,

ich habe die Scheinwerfer verlöschen sehen in der Nacht und Stimmen summen,

und einen allein in der Stille mit dem Autoradio

(es schien meine Stimme),

zwei, die fragten, bis wann,

bis wann, Liebe?

Ich habe sie gestreichelt, habe den Flügel

auf ihre Schultern gelegt, habe ihre Hände gestreift, 

Hände, die einander hielten im Vielfältigen und im Einen,

am Rauch der Zigarette, die sie sich eben angezündet hatte, 

sah ich in ihren Augen das Firmament

und das ewige Kreisen auf ein einziges Licht zu. 

Dann entfernte ich mich, ließ sie allein,

im Firmament, in der Kabine, im Einen,

das sie entdeckt hatten im Tal der Tränen und der Liebe,

ich erinnere mich an sie,

und diese Erinnerung verschleiert die Transparenz des Himmels.

Darum bitte ich dich, um die Frist, um die Zeit,

die die Liebe und die Trennung entgelten,

wenn die Zeit sie erschuf und ihnen Leben verlieh,

mehr als mir, Gott, mehr als meinem Flug.

 

 

Der Blick des Dichters

[Lo sguardo del poeta]

 

Wo die Erde nutzlos gepflügt wurde,

die Felder noch dampfen und Schatten 

ferne rufen, ungehört von den Vorübergehenden, 

wo jemand einen Augenblick lang stehen blieb und dann verschwand,

glühende Linie, die Zeit dem Erdboden gleich,

Spur, Abdruck des Lebens, das jedenfalls war,

jederzeit und in jeder Weise,

dorthin schauen sie und nennen es Horizont,

aus dem die Zeit entspringt, Reise und Abenteuer

jenseits der Hecke, der Meridian, die magische

Grenze des Atlas.

Dorthin, hör zu, fiel der Blick,

doch das war kein Zufall, nichts geschieht wegen nichts,

es war deine Stimme, die Stimme, die von den bewohnen Ufern her aufsteigt,

das ist unser einziger Rand,

Grenze und Brennpunkt, 

das ist die Richtung des Blicks. 

 

 

Der Sterngebannte

[L’incantato della stella]

 

Es war eine lange Reise, Düne über Düne, für die Schreiber.

Für mich war sie kurz, kurz im Vergleich

zur unbewegten Sternenkarte. 

Ich wußte, unser Schicksal war die Piste,

oder davon abkommen und sich im Sand verlieren,

Langsamkeit war der Blick der Sterne,

den ich erkannt habe durch das Studium ihrer Position und ihres Lichts. 

Die Zeichen des Himmels, die ewigen Bahnen,

und wir, wie Wellen zugleitend auf einen leichten Tod,  

wie die Liebkosung einer Frau bei Sonnenuntergang. 

Ich kannte die himmlische Vollkommenheit und den kurzen Atem

des Menschen, der nach einem Liebesakt erlischt.

Ich habe den Kosmos und die chaldäischen Theorien erkannt,

die Steine, die in der Erinnerung an Venus entflammen,

die Himmelsfiguren, die auf Teppichen eifersüchtig gehütet werden. 

Dann die Höhle, und es war Dunkel und Atem

Vom Tier und schmächtige Glieder, und eine ferne

Finsternis, dem Erdboden gleich, ferner als die Sterne, 

ich schaute nicht hinein, ich empfand Erbarmen

mit dem Gestank, mit der dürftigen Wärme von zusammengedrängten Körpern. 

Einen davon betrachtete ich, der an mir vorüberging,

die Augen hingerissen, unverwandt auf einen Stern gerichtet.

Braun, schmutzig, die Schultern rund wie ein Idiot,

trank er das Licht, wie ewig, 

ewig ich mich daran erinnern werde, das erzähle ich. 

Denn es war nicht Spiegelung, sondern Zusammenstoß 

zwischen diesem mir bekannten Licht und einem anderen, dunklen, 

das ihn total an diesen Himmel fesselte.

Welches Licht, welche Quelle, welcher erstaunliche Stein

lenkte den Blick, den Körper und sein Geschick in der Welt?

Denn ich war schon in ihm und erforschte ihn,

wie ich die himmlischen Geheimnisse erforscht hatte, 

ich kenne das Licht aus der Tiefe nicht,

den Hauch der Herzkammer und des Dunkels,

und die gezeichnete und in ihrer unbekannten Existenz verlorene Karte.

Welche Straße, welche Piste, welche vom Wind aufgeworfenen Dünen

Führen zu diesem Geheimnis in dir selbst?

Wo war das Licht, oben oder unten?

Und ich, wie werde ich es anstellen, daß ich mich nicht verliere,

bei der Erforschung eines neues Universums,

wenn ich dir ins Dunkel deiner inneren Welt folge,

an welchen Punkten werde ich mich bei meiner Reise orientieren,

wenn ich den dunklen Kurs suche, den dein Blick eingeschlagen hat, 

Erdklumpen du,

aus Lehm wie ich, Bruder?

 

 

Worte des Tauchers von Paestum

[Parole del tuffatore di Paestum]

 

Ich bin die Seele deines Vaters, des Tauchers:

bin dir gefolgt jeden Tag, bin an deiner Seite,

ich kenne wie damals deine Schattenzonen,

die Sprache der Regungen, die dein Gesicht verzeichnet,

in diesem Sinn hat sich nichts geändert, seit damals. 

Das ist das erste, was ich entdeckt habe, 

das erste, was ich dir sagen wollte: die Wahrnehmung

deiner Momente ändert sich nicht, wie sie sich nicht änderte

des Nachts, im Schlaf oder durch Entfernung. 

Ich weiß, daß dieser Hauch von mir (vom Grund des Wassers aus, zwischen Seerosen) 

für dich sein wird wie einst meine Worte,

die dir Erinnerung und Mut einflößten,

mehr als Wein oder eine Frau, die dich ansieht.  

Meine erste Entdeckung, die erste Wahrheit ist, daß nichts

zerbricht im Innersten der Seele. 

Der Rest ist konfus, es ist zu früh,

dir berichten zu wollen,

Korallen, Seerosen, Lebensfäden zeichnen sich ab

in einer Bewegung des Wassers und verschwinden augenblicklich wieder.

Nicht alles ist Licht, Transparenz, Stille,

Stollen aus Dunkel, verhaltener Atem, dann Stimmen,

die in mir Luft holen, als ob ich spräche. 

Ich gleite auf einen immer ferneren Grund zu 

und fühle, wie ein aus dem Osten versunkenes Licht mich ruft:

ich weiß nicht, wo es endet, vorerst,

ich weiß nicht, was es ist, aber ich weiß, daß Liebe 

es bewegt und seinen Atem bestimmt. 

Von dieser Reise werde ich später erzählen,

wenn die Erfahrung Wissen geworden ist,

kann ich dir erzählen von dem, was ich zurückgelassen habe,

an der blauen Oberfläche der Wasser, 

im blendend weißen Sand, die Palmen,

den Schatten der Ölbäume, den Wein, 

der aus Amphoren ausgeschenkt wurde:

liebe die rosa Erde im Sonnenuntergang, 

tauch ein ins Meer zum Spielen wie ein Triton. 

Koste die Frucht, das Brot, trink und iß,

hör das Lachen der Mädchen,

such ihren Mund, lach und verzweifle, 

dank jeden Tag deinem lichterfüllten Land. 

Ich bin nicht dein Vater, sondern seine Seele,

ich weiß nicht, was ich erlebe, aber ich erinnere mich 

an das Ufer, das Schwimmbecken, die Farben, die

den seltsamen Entwurf des sterblichen Lebens bilden. 

Leb auf dieser glänzenden Keramik und warte,

was ich dir später sagen kann, am Ende der Reise. 

Doch jetzt, da du schläft wie damals, als du in einer Wiege

die Geheimnisse der Welt zu suchen schienst, 

jetzt, da du breitere Schultern und spärlicheres Haar hast,

hör die Worte meiner Seele: 

ich weiß nicht viel von ihr – von mir selbst – 

(es ist zu früh, mein Sohn, ich weiß nicht genug,

ich habe eben erst angefangen, ich schwimme),

denk nicht an meinen Körper (es ist spät, 

Perlen, was meine Augen waren,

meine Lippen zusammengezogen zu Korallen),

doch ich weiß von ihrer Vermählung,

als sie in Einklang auf der Erde lebten,

und ich, die Seele deines Vaters, des Tauchers, 

ich übergebe dir nur diese erprobte Gewißheit

(aus der Tiefe des Abgrunds, im Schauder des Eintauchens):

daß auch der Mensch ewig lieben kann. 

 

 

Ebene

[Pianura]

 

Ich habe Angst vor der Ebene, in meinem Herzen 

erinnert sie an das reglose und unbeseelte Meer

bei Windstille, wenn kein Hauch sich regt

und die Segel herabhängen wie Vampire am Morgen. 

Ich entsinne mich der Dünen in der Wüste, der Weiten,

der langen Karawanen und des langsamen Übergangs

in die Welt der Tataren, des Fernen Ostens:

da war ich eins mit der Ebene,

mit der sich ununterbrochen auf ein Unbekanntes hin dehnenden Weite.

In mir ist auch die Reise der Drei Könige lebendig, 

Gebirge voller Schnee, dann Hochebenen

und lange, völlig flache Weiten, auf denen der Himmel ruhte. 

Und dann der Wind und die schaumgekrönten Wellen,

dort, jenseits von Gibraltar und Kap Horn in Richtung Westen,

auf  den Meeren, wo die Sonne ertrinkt und stirbt. 

Albträume waren die Tage in der Ebene,

Meer ohne Seele, Himmel ohne Hauch,

und wir reglos an Deck, wie um zu büßen.

Dieses Abenteuer, es wurde zum Atlas

alles wurde niedergelegt und ausgebreitet,

nichts blieb unbekannt. 

So starben Verlangen und Liebe, 

während die Verzeichnung der Welt zum Abschluß kam. 

Aus dem Dunkel und der Leere des Schiffsraums 

stiegen wir sodann hinab in die Höhlen und berührten den Mond,

den Grund am Ursprung von Blut und Spezies,

und dort hinauf zu den Sternen und zum Himmel.

 

Hilf mir, zurückzukehren in die Ebene,

und zu glauben, daß das Abenteuer nicht tot ist,

auch dort unten nicht, wo die Zeit sich ausgebreitet hat,

jetzt, da der Horizont mir keine Angst macht,

jetzt, da ich weiß, daß ich nicht weiß,

da ich erneut schmutzig bin und auf der Straße,

da ich wieder gelernt habe, zu weinen und zu beten. 

 

 

 

 

 

Übersetzung von Münchner Übersetzerkollektiv: Christiane von Berchtolsheim, Anita Ehlers, Astrid Eichinger, Friederike Hausmann, Michael von Killisch-Horn, Barbara Kleiner, Burkhart Kroeber, Ina Martens, Emma Stein, Irmengard Gabler, Luis Ruby:



[Il fiore di geranio sul davanzale]

 

Die Geranienblüte, die eines sonnigen Morgens 

von der Fensterbank in sie drang, während sie sich ankleidete, 

wie die Tulpen bei Van Gogh, ein leuchtender Schrei 

in der Kehle, über die Schwelle tretend

ins Muster von Türen und Häuserkanten

stieg sie, wie voller Feuer, hinab in die Metro, sah sie

Altarschreine sich auftun für ferne Gestalten und die Seelen

einsteigen in den Wagen, einige heiter, andere

mit düstren Augen und schweißnassen Händen,

dann davonfahren auf der dunklen Spur;

getragen von der Stille des Tunnels, ausgeforscht 

von den Videokameras, die aufstiegen in die Himmelsregion, 

sah sie sich selbst blinzelnden Auges zurückkehren ans Licht,

dem roten Schrei jenes Morgens treu, dem Rauschen der Metro, das ihr in der Sonne folgte wie der Klang

des Meeres, ihr eigenes Bild

die Glasscheibe der Portiersloge mit wassergrünen Spiegelungen  

durchschreiten, das monotone Summen der Terminals,

wie Strom, der die Blutbahnen vernetzt,

klare Gesichter in den in die Wand gesägten Fenstern

aus hellem Aluminium. Am Abend 

spürte sie den Geliebten in sie eindringen wie ein Schwert

aus Feuer und weinte, seinen Kopf an sich drückend,

als müsse sie sich auflösen und verschwinden, 

wieder zurückkehren in die Geranienblüte, die beim Heimkommen 

schlief. Jahrhunderte wird sie auf der Reise im dunklen Stollen

zubringen, die Schatten betrachtend, wie vergänglich gemacht

durch das Vergessen von einem, der sie gekannt und geliebt hat,

wird an der Portiersloge einen seltsamen Schauer empfinden 

und dem Geliebten plötzlich über die Schulter schauen,

wer das auch sei, an dieses vergängliche 

unauslöschliche Feuer, das eines Tages 

in der Geranienblüte in ihr war wie in den Tulpen 

bei Van Gogh, wird sie sich nicht erinnern,

sie wird nicht wissen, sie wird zurückkehren in die Stollen 

unter die leidenden und ahnungslosen Brüder, 

doch ihr Herz wird sich nicht mehr ändern,

und ihre Augen werden für immer schauen mit einer anderen,

einer unbewußten, überlegenen Liebe. 

 

 

[Lettera dall’età della pietra]

 

Brief aus dem Steinzeitalter

 

Dies ist ein Stein, dem ich die rauhen Splitter genommen,

es war lange Arbeit in der Nacht, kaum Feuer,

der letzte Schliff, und ich vollendete das Werk, 

damit er, auf einen Pfeil gesteckt, das Objekt treffe,

dessen Tod für mein Leben.

Ich wollte nur, daß alles glänze,

der Kreis von Leben und Tod

auch mein Leben einschlösse in der Erinnerung.

Ich habe es für dich getan, um zu überleben, 

wenn ich nichts mehr sein werde als ein Schatten

und du dessen reprimiertes Licht,

du und ich, eingeschlossen im Kreis der Planeten,

den die Zeit teilt und die Liebe verschmilzt. 

 

 

[Natale, Paris, Texas]

 

Weihnachten Paris Texas

 

 Wie der erste Schnee die Nadeln umhüllt

und die Tanne in der festen Umarmung zur Ruhe kommt,

umhüllte mich dieser erste Geburtsschrei

und unterbrach meinen Aufstieg zu den Sternbildern,

zum Feuer jenseits der Wolken,

zur Welt der Gestirne und Zahlen,

ließ mich zutiefst die Erde lieben,

im Frost dieser Nacht atmete ich

die Kälte, die das Leben behütet, 

meines, das all jener, die an mir vorübergingen.

Und wie der zweite Schnee fällt und bricht,

den Zweig allein läßt und verlassen 

und trostlos den Wald der Nächsten,

weinte sie, die ihn in die Grotte geführt hatte,

ich sah sie, und es sahen sie zwei, die ich in der Wüste traf,

Rumi, Perser, Omar

aus der Stadt, die einst Karthago war. 

In der blau getönten Dunkelheit der Wüste, im Zelt,

sah ich Rumis Augen schimmern, 

fragte ihn, warum weinst du?

„Um Scheherazade, von der ich nur die Wonnen

des Leibes kannte und die Lust der Lippen, 

und jetzt erahne ich im Halbschlaf

den Tränenschleier, der so oft ihre Augen netzte,

Schattenpatina auf dem Glanz des Blutes.“

Omar weinte nicht, er war wach,

ich merkte es an der trockenen, taghellen Gespanntheit, 

in der leuchtenden Stille des Zelts.

„Nun verstehe ich die Sage aus meiner Heimat

und sie, die sich vom Felsen ins Meer stürzte.

Ich glaubte, es wäre reine Raserei, Liebesleidenschaft, 

Maßlosigkeit und wilde Freude,

dieses Feuer, durch das wir auch im Tod tot und ewig sind.

Jetzt durchlebe ich erneut die Stunden vor jenem Tod,

und einen Schmerz, den ich mir bei Frauen nicht vorstellen konnte. 

Bis hierher habe ich kommen müssen,

an die Grenze zwischen dem Stern und der Grotte, um die

zu verstehen, die das ganze Leben bei mir war.

Und all jene, die ihr glichen, wie in den Galaxien

das Licht zittert zwischen dem einen und dem anderen Stern.“

Und in der blauen Nacht der Wüste,

die im Innern des Zeltes widerschien,

sah ich in der Stille der Sterne, als seine Worte erloschen,

noch einmal die durchwateten Flüsse vor mir und die Wälder und den Durst

und die in den Dünen getöteten Räuber, und wie wir 

über diese Schwelle aus Sand zwischen Dorf und Grotte

stumm der Lockung eines Sterns folgten.

Aber nur sie wußten um die unerlösbare Liebe,

ausgegossen in die kurze Zeit und ins Tal der Tränen,

und um den schmerzlichen, von Anbeginn gespannten Faden.

In ihr, die bei der Geburt im zweiten Schnee

auch den ersten schon geschmolzen sah,

und ihm, der Stimme und Verheißung war, 

kaum geboren, schon zum Tode verurteilt.

Es war nicht Liebe bei mir, auch nicht

bei den beiden, mit denen ich die Nacht im Zelt verbrachte,

es war Ergebenheit, stummer Gehorsam gegenüber

einer deutlich blinkenden Sternerscheinung.

Sie, sie allein erlebte und erlitt die Liebe,

als sie in der Geburt erkannte, seine Zeit ist kurz,

und sein Ende beweinte, als wär’ es ewig. 

Keine Worte mehr im Rest der Nacht,

nur Omars Augen, die in der blauen Dunkelheit glänzten,

und die Rumis, die nach oben starrten,

wie einer, der jenseits des Zeltdachs die Erinnerung sucht.

Da weinte auch ich, hingerissen von diesem Blau.

Das war Liebe, und sie wurde uns gewährt,

als wir an sie dachten und ihren Weg,

unempfänglich in diesem Augenblick selbst für die Auferstehung. 

Übersetzungen von Pia-Elisabeth Leuschner (mit Dank für wertvolle Hinweise von Barbara Kleiner):

 

 

[Il passero di Lesbia]

 

Lesbias Sperling

 

Mein Herz verlosch in ihrer Hand,

die flirrenden Flügel zwischen Puls und Armreif

und schon war ich dort, im Limbus

der Nicht-Menschlichen, der armen Himmelsherolde.

Ich fühlte mich selbst erlöschen, wie in ihnen der Verstand

des Abends einschläft, ohne zu wissen

ob es je mehr ein Erwachen gibt.

Ich war klein.

 

Ich flehte zu ihm, der keine Götter hatte, an die er glauben konnte.

Ich sah, versagender Sinne, die Augen Catulls

randvoll und vergrößert vom Strom der Tränen.

Die dunklen Gottheiten litten,

das Weinen von Cupido und Venus,

schoß spontan auf, wie es der Dichter erfleht hatte.

Ich fühlte meine kleinen Flügel wiedererwachen und beben

und flog davon, ohnmächtig, unversehrt,

überflog die Schwelle zum Garten,

streifte das Becken mit den Seesternen und Purpurschnecken,

sah im Flug die schlafende Muräne,

dann änderte sich alles, ich trat ein in die Zeit,

die als Mühlstein die sublunaren Wesen niedermalmt,

die je eigene, mittägliche Seelen haben

und Worte mit Tinte schreiben.

Die Flügel, feucht von Lesbias Hand,

noch warm vom letzten Nest

in mir oder in der Luft die Worte Catulls,

„animula – Seelchen“, hatte er gesagt, „zartes Leben“,

das meine, das ihm zerging zwischen den Fingern,

die jene der geliebten Frau streiften.

Aber er verfiel dem Irrtum des Dichters,

daß Verewigung in dieser Welt ein Geschenk sei,

als ob ich kein lebendiges Wesen sei, sondern ein Gedanke,

beschriebene Seite, festgeprägte Stimme, gravierter Stein.

Lieber wäre ich zwischen seinen Fingern verloschen

in der letzten Wiege – ohne Lied und Stimme,

statt Liebe und Ende zu überleben,

Lesbia sterben zu sehen, hinübergehen,

Geburts- und Todestag zu lesen auf dem Grabstein

des großen Catull, der mir das Leben errang.

Um jetzt hier zu sein, im irdischen Jenseits der Zeit,

allein mit voller Kehle das Ende

der Körper zu singen, die sich umarmen in Raserei und Schweiß,

hier, auf der Spitze des alten Turms,

einsamer Sperling, einem verzagten Freund zuzusingen,

daß die Zeit, die uns in dieser Welt täuschte, ein Ende haben wird

und daß Lesbia und Catull und Leopardi in einem Atemzug

und Rom und die überschwitzten Schriften

mir gebieten werden: sing weiter.

 

(Das Gedicht lebt aus mehreren intertextuellen Bezugnahmen: auf Catulls Gedicht „Passer mortuus est“ über den Tod von Lesbias Sperling; dort ist auch von „Veneres Cupidinesque“ die Rede; da die Pluralformen „Aphroditen und Eroten; Veneren und Cupiden“ im gegenwärtigen Deutschen untragbar erscheinen, und um die Variation des Italienischen von divinità nachzubilden, wurde hier entgegen der häufigsten Übersetzung „Liebesgötter und –göttinnen“ für die Singularform Venus und Cupido entschieden. In die Stimme Catulls wird eine Anspielung auf das Todesgedicht Kaiser Hadrians „Animula vagula blandula“ gelegt; und das Gedicht endet mit Anspielungen auf zwei Gedichte Giacomo Leopardis: auf „Il passero solitario“, der beginnt „In su la vetta della torre antica“, und „A Silvia“, aus dem der Vers stammt „talor lasciando [...] le sudate carte“. Den Übersetzungen von Hanno Helbling, der „passero“ mit „Vogel“ und „sudate carte“ mit „die schweren Schriften“ wurde hier nicht gefolgt.)

 

 

[La risposta del poeta ad Harun al Rashid]

 

Die Antwort des Dichters an Harun al Rashid

 

In einer Nacht, als der Azur tiefer glomm

zwischen dem Rauschen der Wipfel, entschloß sich Harun

und, ins Weite schauend – jenseits der Dünen –, fragt er ihn unumwunden:

„Warum weinst du, Omar?, wenn wir auf Reisen sind,

warum stimmst du deine Verse zu einer Spatzenklage,

wenn du den Hof des Mondes ansiehst und die Fackeln lohen,

und noch ferne ist der Tag der Rückkehr

nach Bassra, wo sie dich erwartet? 

Ich kann weinen, weil sie – in der Ferne – von mir abwesend ist,

und ihr Bild verbleicht im Glast der Wüste,

wie Sand mir aus den Fingern rinnt,

und mit dem Bild sich ihre Seele verflüchtigt,

die nur in Sehnsucht und Entfernung lebt,

doch du, der seine Herrin leben läßt im Lied,

der sie eben jetzt herbeibeschwört in Stimme und Gesicht 

jenseits des Fensters, durch das sie Dich erwartend ausschaut,

jenseits von Nacht an Nächten, wie sie sich reihen in der Wüste,

in einem klaren wandellosen Licht?

Du kannst sie vergegenwärtigen, jetzt, ihr Atmen und Gesicht,

wirksamer als der Zauberer mit dem Geist der Lampe,

weil du einen lebenden Menschen beschwörst,

und nicht die Wirklichkeit, nur die Entfernung tilgst,

und Liebe – kein Mirakel – Dein Wunder gebiert.“

 

„Wie sehr Du Dich täuschst, mein Herr,

wenn Du nicht annimmst, sie sei das dasselbe

für Dich und mich, die Trennung, meine ich.

Trennung und nichts weiter, denn in allem anderen ergeht’s mir übler:

wenn sie von Dir abwesend ist, stumm, verkehrt sie nicht mit Dir,

sondern erwartet nur die Zeit, bis zurückkehrst.

So ist das für mich nicht, denn ich trag’ in mir ihre Gestalt,

und das Wort und die Beschwörungskräfte

und die Kunstfertigkeit in dem, was du mein Wunder nennst,

doch auch von alldem das Geheimnis,

einbeschlossen ihrer Stimme, den Urstoff,

das Licht, die Quelle,

und so ist meine Kunst ein Sich-Verzehren ohne Gegenstand,

ein Gebet, verwaist von Gnade,

gespannte Kräfte in Erwartung eines Zeichens.

Dir, fern von ihr, fehlt eine Frau,

mir – wenn sie fort ist – fehl’ ich selbst.“

 

 

[Bubo Bubo]

 

Uhu

 

Du kennst den Wald nicht, das Dunkel,

hast keine Ahnung von den Schattenflechten,

die – wenn die Dämmerung vorüber ist – die Welt abschließen,

Du läßt Dich von ihnen umfangen und wiegen,

gleitest mählich in den Schlaf, siehst sie nicht, 

wie sie sich um dich schließen mit all dem Dunkel,

das eines Tags abgeteilt wurde im Geschaffenen.

Ja, ich flog schon damals,

hoch oben, auf den Gipfeln, mit Falken und Adlern,

und kehrte, wenn die Sonne sank, zum Nest zurück; auch ich schloß die Augen.

Dann sah ich sie, aus der Höhe, vor dem Abend,

weiß, im Sarg liegend, schlafend,

die Schatten der Eichen verdichteten sich, 

bis sie sie verdeckten und mir wegnahmen.

Ich segelte hinunter, im Gleitflug, mit weiten Flügeln

kam zu ihrem Sarg, als es schon dunkel war.

Du  kennst den Wald und seine Stimmen nicht,

die Lichtatome, die ich in die Augen zusammenzwang

um Helle ihr zu schaffen, sie am Leben zu erhalten.

Auf einem ummantelten Zweig, betete ich zur Sonne und

empfing ihr Geschenk,

meine Augen weiteten sich zu Leuchtfeuern,

ich sah die Nacht, den Wald, und hörte sie atmen:

den Saft der Bäume und den Schlaf der Menschen.

Und wie ich es vorhergesehen oder vorhergeträumt hatte,

kam er, zu Pferd, mit seinem Gefolge,

sah sie, stieg ab, schon ergriffen und hingerissen,

und sie erwachte wieder zu seiner Stimme,

staunend, unsicher in jenem ersten Lächeln.

Ich weinte, als er sie küsste und mit sich fortnahm.

Doch ich war es gewesen, der sie am Leben erhalten hatte,

in langem Schlaf und schweigender Erwartung,

damit sie in Euer Reich zurückkehre.

 

Du brauchst das Dunkel nicht zu kennen

und die Schatten des Waldes und den Schleier des Mondes,

ich bin hier, an den Grenzen, zwischen Stadt und Land,

nah den Giebeln und unter dem Himmel,

Licht ist in meinen Augen, und schafft Dir licht

in Deinem Geist, in Schlaf und Dunkel:

Liebe, die meine Natur verwandelte

von den himmlischen Gipfeln zu den düsteren Schatten,

ich, mit geschlossenen Flügeln, Uhu – der Wächter.